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zum hörspiel


1

ich beginne mit einem geständnis.
seit jahren versuche ich, einen neuen begriff zu finden, für das,
was ich tagaus tagein schreibe & inszeniere,
und scheitere.

wir haben film.
wir haben theater.
und wir haben HÖRspiel - als pendant zu SCHAUspiel.
aber warum bin ich nicht zufrieden mit HÖRSPIEL?

es gibt sie ja, die erweiterungen:
radiostück – als pendant zu theaterstück.
black movie, black sabbath, black beauty, black magic woman
radio drama, radio gaga, radio fraktal, radio racaille …

ich helfe mir bislang mit umschreibungen:

das stück METALL.ENGEL.ZUNGEN
hat als untertitel:
„konzert für akkordeon, ziegenglocken & blutenden mund von krok & petschinka“

das stück SANTO SUBITO
hat als untertitel:
„gedächtnisprotokoll eines auftritts des schauspielers roberto benigni
vor der seligsprechungskommission im vatikan vom oktober 2005
zur causa johannes paul II. von krok & petschinka“

das stück TOURNANTE
hat als untertitel:
„ein manifest von INÉZ du LAC & petschinka“

partout will ich den ausdruck HÖRSPIEL nicht mehr haben –
und ich hoffe, ich werde später begünden können, warum nicht.

zur charakterisierung dessen, was ich betreibe
& womit ich den grossteil meines einkommens bestreite,
verwende ich in letzter zeit häufig einen begriff aus der österreichischen radio-geschichte :
DER DRAMATISIERTE SONNTAGSROMAN.

und ich grenze mit dieser IRONISCHEN BRECHUNG
meine arbeit gerne von anderen anstrengungen auf diesem gebiet ab –
in erster linie vom radiokrimi,
von der romanbearbeitung und :
vom EUROPÄISCHEN FLÜSTERHÖRSPIEL.

beim EUROPÄISCHEN FLÜSTERHÖRSPIEL
handelt es sich um stücke, die in besonders eindringlicher weise schön –
und das wort SCHÖN ist ja nur ein synonym für BIS DASS DER TOD UNS SCHEIDET auserzählt -
und notorisch ÜBERinszeniert sind.

die alte kunst hält dafür am ehesten das wort WANDTEPPICH bereit.

stücke also, die das raumklima verbessern.
stücke, die der erbauung dienen & der einübung in die hohe kunst der langeweile.
stücke auch, die beinah ausschliesslich dafür produziert werden,
um das kopfschütteln über die sende-verantwortlichen zu kultivieren.

stücke, die jede siesta in eine barocke schlaforgie verwandeln und –
werden sie am abend gesendet wie zumeist –
dann bilden sie den adäquaten abschluss eines scheisstages
voller routine & gebändigter mordlust.

stücke, die formal & inhaltlich WEIT in den grenzen des genres bleiben,
sei es, weil die redakteure sich solcher grenzen nie bewusst geworden sind,
sei es, weil eben diese redakteure konfliktscheu sind wie heroinsüchtige klosterschüler,
die in irgendeiner u-bahn-toilette ihren letzten überschuss abbauen
und der welt ihr OHNE MICH hinhauchen.
sei es aber auch,
weil die chefredakteure DEN geschmack IHRES publikums so genau kennen
wie ihre eigenen fähigkeiten
und eben dieses publikum ausschliesslich RICHTIG bedienen wollen!

man spricht dann mit mir vom PROFIL eines senders,
der sich plötzlich als autoreifen begreift
und einen abdruck im schnee von gestern seiner hörerlandschaft hinterlassen will.

Sie erinnern sich,
eine reproduktion von picassos bild GUERNICA zierte den tagungsraum des weltsicherheitsrates
und musste anfang 2003, als COLLIN POWELL seine lügen verlas, ZUGEHÄNGT werden -
was ja noch nicht die wirkliche frechheit ist.

dass die amerikaner keinen zusammenhang zwischen der bombardierung bagdads
und der bombardierung guernicas herstellen wollten, na bitte.

aber dass dieser wunsch erfüllt wurde, das ist die wirkliche frechheit.

diese verbeugung der ganzen welt vor der amerikanischen militärdiktatur.
die weltweite reproduktion der lügen und der propaganda.
die ekelhafte duldungsstarre.
die globale einübung in wörter wie :
„atomarer erstschlag!“
„einsatz von atomwaffen gegen militärische ziele im IRAN!“
„wir werden teheran dem erdboden gleichmachen!“

die LISTE muss und wird später fortgesetzt werden!

warum aber so eine LISTE in einer überlegung zur ästhetik des hörspiels
unbedingt abzudrucken ist :
weil die beschäftigung mit dieser militärdiktatur und ihren tonys
mit den reissenden geldströmen und den galaktischen hunger-KZs
und der propaganda von demokratie & freiheit
im EUROPÄISCHEN FLÜSTERHÖRSPIEL komplett fehlt.

dass der DRAMATISIERTE SONNTAGSROMAN
frei von solchen widerwärtigkeiten bleiben muss
wie der bombardierung von städten, märkten, kindergärten, spitälern, wohnhäusern …
frei von folter,
frei von de sade´schen sexorgien in gefängnissen,
frei von der vernichtung der cubanischen zuckerrohrernte durch CIA-söldner
frei von der exektuierung palästinensicher parlamentarier aus der luft
frei auch von erfindungen wie al quaeda
frei von entführungen und abschlachtungen von gewerkschaftern
frei von erschiessung von demonstranten wie in genua 2001
frei von der erforschung der wahren hintergründe
der kontrollierten sprengung der twin-towers
und der attacke auf das pentagon
versteht sich von selbst.

es ist eben der DRAMATISIERTE SONNTAGSROMAN!

er wurde am sonntag vormittag präsentiert
für eine säkulARISIERTE zuhörerschaft,
die noch betäubt war von der eben zu ende gegangenen sendung
DU HOLDE KUNST,
in der sich klassische musik PAARTE mit der grossen europäischen dichtkunst.

diese paarung war das sonntägliche hauptereignis, der radioSOFTPORNO schlechthin!

danach also DER DRAMATISIERTE SONNTAGSROMAN.

man rief die kinder herein,
die bei der HOLDEN KUNST in ihren zimmern zu bleiben hatten,
versunken in ahnungslosigkeit & diverse ARZTspiele,
postierte und polarisierte sie um das alte RADIO und - still jetzt!!

ich habe mich verrannt.
verbrannt auch,
wenn ich als autor nicht und wieder nicht einsehen wollte,
dass die wirklichkeit ausgespart bleiben möge aus …

“nein, herr petschinka, doch nicht aus dem RADIO,
aber doch aus diesem sendeplatz!!
schon am montag in der früh beim MORGENJOURNAL
können Sie wieder voll und ganz eintauchen in die wirklichkeit!“

gut. kapiert.

ich habe drei stücke gemacht,
die diese alte form des DRAMATISIERTEN SONNTAGSROMANS feierten,
reflektierten und die mir am meisten ehre & geld brachten.

KROK
(ein erzähler plus viele kleine szenen)

RAFAEL SANCHEZ ERZÄHLT SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD
(ein erzähler & viele kleine szenen)

SANTO SUBITO
(ein erzähler & viele kleine szenen)

diese drei stücke
wurden mit den höchsten europäischen preisen ausgezeichnet.

und alle drei spielen mit der wirklichkeit auf eine bestimmte weise.

im fall KROK
mit der wirklichkeit gen-technik, menschenzüchtung,
gewaltgeile boullevardmedien, grausamkeit, tötungsgier, blutrausch

im falle RAFAEL SANCHEZ ERZÄHLT …
mit migration, grossem kino
& dadurch vermittelt mit landraub, auftragsmord, rache, gefängnis

im falle von SANTO SUBITO
mit katholizismus, don quixoterie, sterben und wunder

aber in allen diesen drei stücken wird –
sowohl durch die art der erzählung
als auch durch die inszenierung
KLAR eine ästhetisierung angestrebt,
d.h. eine VERNIEDLICHUNG!

und damit wird die grösstmögliche & besstmögliche KONSUMIERBARKEIT erzielt.
und der chefredakteur muss -
wenn er die CD in den PLAYER schiebt,
keinen schock befürchten.

nein,
ganz im gegenteil,
er kann mit hoher QUOTE rechnen!
er kann sich freuen auf „oh“ und „ah“ und „ohlala!“

2

und jetzt zur frage: warum überhaupt RADIO?

an manchen tagen hat man glück.
es ist das jahr 2003 und es wird ein krieg betrieben. mit aller macht.
und ich werde gebeten, ein kriegstagebuch zu schreiben –
als fernsehzuschauer.

„wenns den krieg gibt, produzieren wir das stück“,
sagte peter klein zu mir, damals chef der featureredaktion des ORF,
„wenn nicht, hast du pech gehabt!“

ein kriegstagebuch IRAQ.
BESSER GEHT’S NICHT.

man sagt dem autor petschinka nach,
er hätte – was die kunst betrifft – ein ausschliessliches interesse an SEX & GEWALT.
na bitte!!
ein kriegstagebuch ist da ideal.
es bietet beides.
die gewalt im fernsehen
und den SEX bei mir zu hause als betrachter der gewalt!!

der stoff wird täglich vor mir ausgebreitet.
die form ist durch den auftrag gegeben.

gut,
das grausame thema wird man durchaus argumentieren können
mit dem inhalt selbst –
und die lüsterne haltung des autors wird man argumentieren können
durch die lüsterne bestie KRIEG selbst.

ich hatte einen freibrief.

und ich machte mich sofort auf nach TV-city,
bewaffnet nur mit einem videorecorder.
und in diesen videorecorder schob ich kassette um kassette
und zeichnete mir CNN & sky news & n-tv & BBC world & schliesslich
al yazeera auf & holte mir die O-töne der ganzen welt auf meinen monitor
und von dort direkt in mein stück.

und ich kommentierte & inspirierte & irritierte mich und meine freunde
mit grausamen details.

zuerst war ja noch kein krieg.
nur warten auf den krieg.
und dann endlich die kriegserklärung.
und dann war auch schon der RAID INTO BAGDAD
und ich hatte mühe, die besten o-töne zu erwischen,
denn plötzlich potenzierten sich die reden und berichte
und das begeisterte geschrei der hyänen.

als dann tagelang nur noch diese eine saddam hussein-statue hingerichtet wurde,
hatte ich mein ziel erreicht,
da schloss ich dieses fenster hinaus auf den kriegsschauplatz
und ging ins studio
und begann mit der arbeit am detail
und an der akustischen form.

und da begriff ich,
dass die realität – das, was ich als die kleinen szenen betrachte –
gut platz haben würde in der rede des tagebuchschreibers.
und ein weiterer DRAMATISIERTER SONNTAGSROMAN
hatte seine gestalt gefunden.

der ORF reichte diese arbeit ein zum PRIX EUROPA 2003 –
sie heisst übrigens: MY PRIVATE SHOW -
und sie spaltete das auditorium und damit die jury genau in der mitte.

die eine hälfte der delegierten
war angewidert von den grausamen details des krieges
und zugleich abgestossen von der unzumutbaren freude
und sexuellen lust des tagebuchschreiber an der betrachtung der zerstörung
und der opfer.

und die andere hälfte der leute
gratulierte mir zu dieser arbeit.
man empfand sie als aufregend, erhellend,
manche sprachen sogar davon, dass sie selber nicht gewusst hätten,
wie man sich in einem werk der akustischen kunst
dem IRRSINN des krieges nähern könnte
und eben das sei hier gelungen.

ich selbst war bis zu dem moment
als die fotos aus dem gefängnis von abu ghraib auftauchten
zufrieden mit meiner PRIVATE SHOW,
hatte dann aber das gefühl,
dass ich - trotz konnotation von grausamkeit und sexueller lust –
wieder einmal von der wirklichkeit überholt worden war.
hätte ich damals geahnt,
dass sich die FOLTERER der AMERIKANISCHEN  MILITÄRDIKTATUR
so genau an das de sade´sche drehbuch halten würden,
hätte ich das stück noch wesentlich … was denn?
spitzer schärfer schneidender verletzender machen können?

ich habe manchmal eben das gefühl,
ich müsste der wirklichkeit IN MEINER KUNST zumindest auf die spur kommen
oder herankommen an die wirkliche grausamkeit.
und das kunstwerk zu einem ebenso vielschichtigen & schmerzenden vorgang machen
wie die wirklichkeit!

wie die wirklichkeit im fernsehen?
nein,
denn an dem stück MY PRIVATE SHOW kann man ja
den unterschied zwischen radio und fernsehen
deutlich nachzeichnen.

während man damals im jahr 2003
im österreichischen FERNSEHEN bemüht war, den krieg nicht zu zeigen,
oder besser gesagt:
den krieg nur aus der perspektive der amerikanischen propaganda,
der sieger,
des vereins der freunde der TV-demokratie & freiheit zu zeigen,

- und das hatte die konsequenz,
dass man keine leichen
und keine verstümmelten kinder
und keine verbrannten gesichter
und keine  heraushängenden gedärme zu gesicht bekam,
ja, dass sie nicht einmal erwähnt wurden!!

man zeigte nur bilder von sehr hoch oben,
aus der sicht der bomberpiloten
bevor die raketen ihre chirurgischen operationen durchführten
und die alle ohne blut und wunden
ohne schreie und klagen
und ohne das gemeine sterben und ausröcheln vor sich gegangen waren –

war man im RADIO interessiert an einer arbeit
eben zu diesem thema der grausamkeit der gewalt
und der lüsternheit der zuschauer.

3

aber jetzt zu etwas ganz anderem

t o u r n a n t e
ein manifest
von INÉZ du LAC & petschinka

eine „ t o u r n a n t e “ ist ein mädchen,
das von einer gruppe von burschen vergewaltigt worden ist –
und zwar: reihum.

so ein mädchen ist INÉZ. 19. schwarz.
nach paris eingewandert aus der elfenbeinküste.

INÉZ lebt in einem wohnblock in einer der banlieues.
und sie beschliesst, eine tournante zu machen unter ihren vergewaltigern.

begriffe wie lynchjustiz, serienkiller, gewaltverherrlichung kommen einem in den sinn -
und nicht zu unrecht.

dokumentiert wird dieser „rausch der rache“ von NICOLE BOURGONNE.
sie ist journalistin, organisiert für INÉZ die waffen
und ist mit einem minidiscrecorder vor ort.

ästhetisch betrachtet – :
weder ein DRAMATISIERTER SONNTAGSROMAN,
noch ein EUROPÄISCHES FLÜSTERHÖRSPIEL,
sondern ein extrem rauhes dokumentarisches stück,
das sich als radiofeature tarnt –
oder genau mit dieser imagination spielt, als wäre es: WAHR.

es war jedenfalls höchst aufregend,
dieses kleine rauhe stück wirklichkeit zu inszenieren.

der sound ist schmutzig.
man hört das mikrophonkabel krachen.
zum teil ist man zu nah dran und dann ist plötzlich die musik zu laut.
kunstgriffe, die den eindruck erwecken,
als wäre man tatsächlich vor ort gewesen, um die wirklichkeit aufzuzeichnen.

das stück besteht aus kurzen szenen,
in denen INÉZ eine reihe von hinrichtungen plus kollateralschäden durchführt.

NICOLE hat mitten drin plötzlich das gefühl,
es könnte sowas wie ein radiostück entstehen
und macht ein interview mit INÉZ,
wie man es eben machen würde, hätte man ein feature vor augen.

aber dann stürmt die wirklichkeit gleich wieder weiter zur nächsten exekution.

ausgangspunkt für tournante waren zeitungsartikel,
die über dieses spezielle GANGBANGING in der pariser vorstadt berichteten.

über die mädchen war zunächst wenig zu erfahren.
sie stürzen meist in eine tiefe depression
gepaart mit sprachlosigkeit und existentieller verzweiflung.
an wen sollen sie sich auch wenden? an die polizei? an ihre mütter? an die brüder?

nicht selten sind solche tournantes bestrafungen für fehlverhalten der mädchen
(wenn sie sich z.b. nicht an kleidervorschriften halten wollen oder mit einem mann gesehen werden)
und die eigenen brüder sind daran beteiligt.

ich wollte ein mädchen zeigen, das nicht depressiv wird.
ich wollte von einem mädchen berichten, das sich einen revolver besorgt
& die urteile, die während der vergewaltigung ausgesprochen wurden, vollstreckt.

HEILUNG DURCH RACHE, so lautete meine grundthese.
daher auch der untertitel: ein manifest.

die beiden hauptdarstellerinnen nahm ich im studio auf.
die anderen schauspieler wurden grossteils ausserhalb des studios aufgenommen.
in den gängen der u-bahn, in bars, in wohnungen.

besonders ergreifend war folgende situation:

ich war einkaufen in einem supermarkt und hörte beim gemüsestand eine stimme,
die mir gefiel. sie gehörte zu einem mann, der im senegal geboren und aufgewachsen war
und jetzt seit 5 jahren in österreicht lebte.
ich fragte ihn, ob er ein paar sätze in einem radiodrama sprechen wolle
und wir verabredeten uns bei ihm zu hause.

die rolle, die er zu sprechen hatte, war die eines der vergewaltiger,
der von INÉZ in einem keller gestellt und erschossen wird.
er bittet sie, ihn nicht zu erschiessen, aber sie kennt keine gnade.
„nicht schiessen!“ fleht er. „nicht schiessen!“

ich komme also zu dem mann aus dem senegal in die wohnung und er sagt:
„jetzt ist leider meine freundin nicht da. sie musste kurz weg.
und sie wäre mit unserer kleinen tochter spazieren gegangen,
während wir die aufnahmen machen.
aber kein problem, die kleine wird mit ihren puppen spielen, stimmts, engelchen,
du wirst uns arbeiten lassen?!“

die kleine ist zwei jahre alt und sehr süss.
sie lächelt. sie nickt. und sie sagt: „oui, monsieur papa!“

ich packe also mein kleines mobiles aufnahmestudio aus der tasche :
einen DAT-recorder, das mikrophon (ein AKG c1000) und die grossen kopfhörer,
die mir die realität vom leib halten.

die kleine tochter ist natürlich interessiert an all diesen dingen
und bekommt entsprechende erklärungen.

dass sie unbedingt bei der arbeit mit dabei sein will, versteht sich von selbst.
wir entscheiden uns für das schlafzimmer als den idealen ort für die aufnahme
und beginnen.

die kleine sitzt mit ihrer puppe auf dem grossen polster im bett
und ich stelle mich vor monsieur papa und strecke ihm das mikrophon entgegen.

wir arbeiten satz für satz und kommen an den punkt,
an dem der vergewaltiger INÉZ anfleht, ihn nicht zu töten.

klar, dass monsieur papa nach ein paar proben richtig hineingewachsen ist in die rolle
und den satz NICHT SCHIESSEN! nun mit der entsprechenden passion präsentieren kann.

und da erkennt das kleine mädchen plötzlich die dramatik der ganzen situation!

da steht ein weisser mann vor ihrem monsieur papa,
auf dem kopf hat dieser mann riesige halbkugeln,
kabel hängen aus einem gerät, das er in der einen hand hat,
in der anderen hand hält er die waffe.
und monsieur papa soll erschossen werden.

das mädchen legt seine puppe weg, springt vom bett und stellt sich neben ihren vater.

„kein problem, engelchen!“ sagt der mann
und versucht sich noch einmal auf seinen satz zu konzentrieren.
NICHT SCHIESSEN!
kaum ausgesprochen, beschliesst das mädchen die unwürdige situation zu beenden.
sie stellt sich dezidiert zwischen den weissen mann mit der pistole
und ihren bedrohten monsieur papa.

jetzt erkennen wir endlich ihr unbehagen und ich erkläre die aufnahme für gelungen.

der mann aus dem senegal spricht mit seiner tochter, küsst sie,
beteuert, dass keine gefahr besteht,
dass es ein spiel ist,
dass auch sie NICHT SCHIESSEN in mein mikrophon sagen darf,
dass sie diese aufnahmen dann sogar anhören darf mit den grossen kopfhörern etc.

4

die BBC zeigt einen kurzen beitrag über ein kleines verschlafenes städtchen in finnland.
es ist nicht gerade der arsch der welt,
aber knapp daneben irgendwo, sagen wir :
ein paar meilen nur bis zum paradies.

hier hat man alles, was man für eine schönes, ruhiges, angenehmes leben braucht
und auch alles, was es kindern und jugendlichen ermöglicht,
zu friedvollen und verantwortungsbewussten europäischen bürgern heranzuwachsen.

doch die idylle täuscht. es fallen schüsse.

der 17jährige pekka x ging am vormittag mit einer ganzen tasche voller waffen in die schule
und veranstaltete da ein weiteres SCHULMASSAKER! yeah!!

ich liebe schulmassker!
ich liebe sie, seit ich selber zur schule ging.
ich liebe sie, seit ich den film IF zum ersten mal sah.

da ich vor kurzer zeit
die finnische regisseurin & redakteurin soila valkama kennengelernt habe,
beschliesse ich, ihr ein mail zu schreiben und ihr ein stück anzubieten:
PEKKA X und das schulmassaker.

ich entwerfe in wenigen sätzen das ganze drama.

eine recherche im internet bringt mir PEKKA X ein wenig näher
und diese suche bringt vor allem diverse schauplätze:
schiessübungen im wald
videobotschaften an die youtube-gesellschaft
eine normale finnische familie
schulkameraden, die mit verständnislosigkeit und heulkrämpfen reagieren
ein manifest

ich lese dieses manifest und bin begeistert!
das material breitet sich vor mir aus und zugleich schreibt sich das stück von selbst.
und: es ist (ich atme auf) kein DRAMATISIERTER SONNTAGSROMAN
und auch kein EUROPÄISCHES FLÜSTERHÖRSPIEL.

es ist – formal betrachtet – das,
warum ich DAS SCHREIBEN fürs radio so liebe.

nein, ich muss allgemeiner formulieren, es ist ja nicht das radio –
vom radio kommt ja nur das geld für diese art arbeit.
im radio wurde diese art stücke zu schreiben erfunden.
es ist ja akustische kunst.

es ist aufregender als film,
weil es nicht so sehr an schauplätze gebunden ist
und zudem wesentlich schneller als film.

und es ist nicht theater, weil das theater von physischer präsenz in einem raum lebt.

aber das, was sich da in meinem kopf entwickelt,
diese geschichte „PEKKA X und das schulmassaker!“
lebt von klängen, die einander durchdringen,
lebt von der dynamik des schnittes
lebt von der gleichzeitigkeit der szenen

ich entwerfe eine szene, in der PEKKA X sich in der schule bewegt
gleichzeitig verliest er sein manifest,
gleichzeitig fallen die schüsse, die ihn niederstrecken
gleichzeitig steht er im wald und schiesst auf eine bierdose
dazu montiere ich PEKKA X´s lieblingsmusik

ich habe nur in der akustischen kunst die möglichkeit
mit diesen splittern, fragmenten, sätzen, szenen und musikalischen ereignissen
die geschichte zu erzählen,
eine ganze welt entstehen zu lassen,
und die zeit aufzuheben.

ich kann alles gleichzeitig präsentieren
wie bei einer symphonie.

dass dieses stück noch nicht gemacht ist,
liegt an einer information, die mit der form nichts zu tun hat,
aber mit dem inhalt.

ich habe in einem der internetforen, die sich mit schulmassakern beschäftigen,
erfahren,
dass die dinge nicht so glatt sind,
wie sie sich auf den ersten blick bieten.

es wurden mehrere täter gesehen.
PEKKA X nahm antidepressiva,
und zwar solche,
wie sie auch von anderen SCHUL-MASSAKEUREN geschluckt wurden.
man diskutiert in diesen foren die möglichkeit,
dass diese sogenannten täter nur strohmänner sind,
die selber opfer einer attacke geworden sind,
ausgesucht von spezialeinheiten,
über monate hinweg aufgebaut
um dann vorgeschoben zu werden als einzeltäter etc.

da ich sehr empfänglich bin für das,
was normalerweise unter dem titel: VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN gehandelt wird,
und da ich keinesfalls das märchen vom einzeltäter nachbeten wollte,
das von der polizei so gern und so erfolgreich präsentiert wird,
weil man dann alles zu den akten legen
und das beunruhigende an so einer tat den psychologen in die wiege legen kann …

da ich also kein modernes märchen erzählen wollte,
habe ich die arbeit unterbrochen
um mich noch weiter zu informieren.

5

vielleicht versteht man -
nach meinen berichten über tournante
und der darstellung meines ansatzes für ein stück über
„PEKKA X und das schulmassaker!“ –
warum ich mit dem begriff HÖRSPIEL
nicht wirklich glücklich bin

es ist da etwas in meinem radio-denken
was mit diesem begriff nicht wirklich benannt ist.